Projektwettbewerb Neubau Heim Weissenau

Auf der „Bödeli“ genannten Schwemmebene, umrahmt von einer imposanten Gebirgskulisse, treffen der Thurnersee und der Brienzersee aufeinander. Diese besondere landschaftliche Konstellation liefert den Ausgangspunkt zur Gestaltung des neuen Bauwerkes.
Zwei mehrfach abgewinkelte Baukörper begegnen sich und verbinden sich zu einem markanten Solitär. Die Gemeinschaftsräume und die sich aufweitenden und verengenden Flure fügen die beiden Bereiche zusammen. In den räumlich vielfältig ausgebildeten Korridorflächen wird Aufenthalt und Kommunikation ermöglicht. Als Nachempfindung der Seen sind zwei Innenhöfe in das Gebäude eingelassen, die wie „Erd-Augen“ das Licht ins Innere bringen. Diese Zentren werten die Gänge durch umlaufende Sitznischen beziehungsweise durch begehbare Hofflächen zusätzlich auf.
Die Fassade fängt den überwältigenden Blick auf die Berner Oberländer Berge hauptsächlich mit zwei Fensterformaten ein. Deren Verteilung und Anordnung auf den Wänden unterstreicht den Dipolcharakter des Bauwerkes. Das liegende rechteckige Fenster dominiert den westlichen Bautrakt, die quadratische Öffnung prägt den östlichen Bauteil.
Vor dem Hintergrund der Entwurfsaufgabe „Bauen für alte Menschen“ entsteht beim Verfasser während des Entwurfsprozesses mehr und mehr die Assoziation an den griechischen Mythos von „Philemon und Baukis“: Die Erzählung über wandernde Götter, die den Menschen auf die Probe stellen, dabei überall verschlossene Türen finden und nur in der ärmlichen Hütte eines alten Ehepaares aufgenommen werden. Zum Dank bleibt die Hütte der alten Leute einzig von der Sintflut verschont. Im hohen Alter werden Philemon und Baukis in eine Eiche und eine Linde verwandelt. Der Gedanke an diese Metamorphose scheint letztendlich das gesamte Haus zu durchdringen, vom Grundriss bis hin zur Fassade. Die länglich-rechteckige Form kann dabei als Referenz an das Blatt des Eichenbaumes gelesen werden und das Quadrat als Sinnbild für das Blatt der Linde.
Kommen die Heimbewohner in ihren Aufenthaltsräumen zusammen, spüren sie ganz deutlich etwas von dieser Atmosphäre. Wie durch ein Blätterdach fällt das Licht in schmalen schrägen Bahnen durch die zahlreichen kleinen Öffnungen der Wand und zaubert ein Muster aus Lichtflecken in die Räume.
Umgebung
Die Umgebung greift den Gedanken an Philemon und Baukis auf und lässt die Bewegungszonen des neuen Freiraumes wie den Wind das Gebäude umspielen. Gestalterisch orientiert es sich im Grundsatz am Landschaftsbild des Berner Oberlandes. So knüpft der weitestgehend erhaltene Baumbestand, ergänzt mit weiteren Obstgehölzen, an das charakteristische Bild der Streuobstwiesen an. Diese lösen sich von Ost nach West entsprechend der Umgebung in lockerer Weise auf und lassen den Fluss der Landschaft bis an das Gebäude zu. Im Kontext des überwiegend landschaftlich geprägten Umfeldes wird somit ganz bewusst keine isoliert Insel geschaffen. Ein übergeordneter Rundweg mit Neugier erweckenden Abzweigungen zu geschützteren Bereichen, führt den Beobachter entlang von Gräserinseln unter Obstbäumen durch den Freiraum. Durch den Rundweg ermöglicht die Anbindung des bestehenden Wegesystems der nahen Umgebung und umschließt entlang transparenter Gräserinseln in fürsorglicher Weise den Aussenbereich für die dementen Mitbewohner.
„ Entwurf: Christian Kosack, Freier Architekt, Neustadt a.d.Weinstraße“
